Die Sache mit dem Leben

Egoismus?!

ODER: WENN ES UM LEBEN UND TOD GEHT


Seit ein paar Tagen sitze ich hier in meinem Bett (ich schaffe es momentan nur selten mich aufzuraffen um ins Büro zu gehen...) und überlege hin und her und her und hin ob ich über meine derzeitige Situation schreiben soll, oder nicht. Heute nehme ich meinen Mut zusammen und schreibe. Denn dieses Thema ist verdammt schwer für mich. Aber ich schreibe jetzt, um es mir leichter zu machen. Dafür ist mein Blog ja auch da. Ich schreibe, was mich bewegt, in der Hoffnung, dass ich in meinem Kopf etwas aufräumen kann...

 

Vor ca. vier Wochen ist meine Mama ins Krankenhaus gekommen. Sie hatte eine geraume Zeit Bauchschmerzen und irgendwann ging sie dann doch mal zum Arzt. Der verwies Mama direkt ins Krankenhaus. Meine liebste Mami wurde tagelang auf dem Kopf gestellt und lag innerhalb von zwei Wochen in drei verschiedenen Krankenhäusern. Das Ergebnis: Meine Mami hat Bauchspeicheldrüsenkrebs.

 

Erst mal war alles total unklar. Die Ärzte wussten nicht, welche Art der Behandlung am geeignetsten sei. Erst Chemo, dann OP, oder umgekehrt.... Die Ärzte entschlossen sich, den Bauch aufzumachen um zu schauen, in wie weit der Tumor operabel ist (bis dato war nicht mal 100%ig klar, ob es wirklich ein Tumor ist). Der Tumor liegt wohl direkt an einer Ader, die den Dünndarm versorgt und ist mit dieser teilweise verwachsen. Ich habe keinen Plan, was genau ich mir darunter vorstellen kann. Ich bin kein Mediziner. Aber es heißt, dass der Tumor nicht entfernt werden kann. Die Ärzte schlagen Chemo oder Bestrahlung vor, in der Hoffnung, den Tumor zu verkleinern und danach die OP durchführen zu können. Aber ob das alles klappt, ist ungewiss. 

 

Ein jeder von uns weiß, was es bedeutet, wenn jemand Bauchspeicheldrüsenkrebs hat. Um es mal platt und unsensibel zu formulieren: Es ist ein Warten auf den Tod. Das ist hart. Anfangs hatten wir alle noch Hoffnung, dass alles gut gehen wird. Nun schaut uns die Realität bitter böse ins Gesicht. Meine Mama hat sich entschieden, keine weitere Behandlung mehr durchzuführen. Wenn doch gar nicht klar ist, ob sie davon gesund werden kann, warum solle sie sich dann noch mit Chemie vollpumpen und sich quälen... Was hat sie dann noch von ihrem Leben, ihrer Familie und allem, was ihr Herz erfüllt, wenn sie es vom Krankenbett "erlebt". Ich verstehe meine Mama. Sie selbst hat in einem Zytolabor einer Krankenhaus-Apotheke gearbeitet und nichts anderes gemacht als Zytostatika und Chemotherapeutika hergestellt. Sie weiß, was da drin ist. Sie weiß, was es mit dem Körper macht. Hinzu kommt, dass in ihrer Familie sehr viele (selbst ihre Mama, um die sie sich liebevoll gekümmert hat) an Krebs erkrankt waren und viele an dieser gemeinen Krankheit verstorben sind. 

 

Meine Mami ist unfassbar stark und tapfer. Ich weiß nicht, was alles in ihrem Kopf vorsich gehen muss... Erst wochenlang Schmerzen; dann diese Krankenhaustortur; Ungewissheit; die Diagnose; Hoffnung; dann einfach mal den Bauch öffnen; wieder Schmerzen und Gewissheit; Entscheidung treffen; ihren Liebsten diese Entscheidung mitteilen..... Ich muss weinen, weil ich so stolz auf meine Mami bin. Sie ist so ein unfassbar guter Mensch. Trägt ihr Herz am rechten Fleck. Denkt immer zuerst an andere und stellt sich an letzter Stelle. Sie hat auch viel durchgemacht und vieles hat in ihrem Herzen Spuren hinterlassen. Wie viele von uns, trägt auch sie ihre Päckchen. Aber aufgegeben hat sie nie. Sie ist zäh und tapfer. 

 

Ich könnte mich jetzt so banale Dinge fragen wie: Warum trifft es ausgerechnet meine Mami? Oder die egoistische Variante: Warum trifft es immer mich – kann denn nicht einmal was in meinem Leben gut laufen? Warum muss immer etwas so Beschissenes passieren, damit mir alles, was gerade gut läuft, kaputt gemacht wird.......

Wie egoistisch darf ich in so einer Situation eigentlich sein??? Wie gesagt, ich verstehe die Entscheidung meiner Mami absolut. Wäre ich an ihrer Stelle, dann würde ich sicherlich nicht anders reagieren. Aber jetzt bin ich nunmal an meiner Stelle. Ich liebe meine Mami und ich will, dass sie noch mindestens 20 Jahre (alles andere wäre ja leider unrealistisch...) da ist. Ich möchte, dass sie meine Hochzeit und meine Kinder erlebt und mir Tipps gibt, wie ich das mit meinen Kids am besten anstelle, damit sie mindestens genau so gut werden, wie meine Schwester und ich. Wen soll ich denn anrufen, wenn wieder alles kacke läuft?! Wo kann ich weiterhin so schön Kind sein; werde betüddelt, wenn es mir schlecht geht... Keiner sonst kann mein Herz so sanft streicheln, wie meine Mami. Natürlich habe ich auch einen wundervollen Papi, und meine liebe Schwester, mein Liebling Kiki, dessen Familie und alle unsere Freunde sind auch noch da. Aber sicherlich wisst ihr alle, was ich meine... es ist eben etwas gaaaanz anderes, wenn die Mama für einen da ist. Ihre Suppe ist die leckerste, ihre Stimme die sanfteste, ihr Herz das Schönste, ihre Haut die glatteste, ihre Hände die zärtlichsten.... Sie ist und bleibt das schönste Wesen, welches man als aller erstes gefühlt und gehört hat. Niemand sonst kann so eng mit mir verbunden sein. 

 

So viele Gedanken wandern durch meinen Kopf. Ich kann seit Tagen nicht mehr vernünftig schlafen, wälze mich rum... Ich versuche – genau wie meine tapfere Mami – nicht den Mut zu verlieren, weiterhin positiv zu bleiben. Aber zwischendurch knicke ich dann doch ein. Dann weine ich. Bin verzweifelt. Erwische mich bei dem Gedanken, dass mir ihre Entscheidung nicht passt. Dass sie in meinen Augen aufgibt und dass ja viele andere auch wieder völlig gesund geworden sind. Aber, was bringen diese Gedanken? Es ist ihr Körper, ihr Leben....  ihr Warten auf den Tod.... Es fühlt sich irgendwie makaber an, so darüber zu schreiben. Aber der Tod gehört nunmal dazu. Die einen warten auf den Tod, die anderen werden einfach so aus dem Leben gerissen – ohne Vorwarnung! Wir haben nun die Möglichkeit, alles in Ruhe zu besprechen, die Dinge zu klären, die geklärt werden müssen... Ich habe die Möglichkeit mit meiner Mama zusammen zu weinen. Mit ihr zusammen traurig zu sein. Aber auch – und das ist das positive daran – mit ihr ganz bewusst die schönen Dinge im Leben zu genießen. Wir wissen nicht, wieviel Zeit meiner Mami noch bleibt. Aber sie ist noch nicht tot!!! Auch, wenn wir wissen, dass sie vielleicht nicht mehr lange da sein wird. Wir werden die gemeinsame Zeit nutzen, genießen und all das positive daraus ziehen. Auch diese Situation wird uns wieder stärker machen und zeigt uns, worauf es im Leben wirklich ankommt!!! Ich darf zwischendurch mal traurig, wütend und egoistisch sein. Aber ich darf noch mehr fröhlich und glücklich darüber sein, was ich habe und mit wem ich das ganze Glück teilen darf.

 

Und wie meine Schwester schon augenzwinkernd meinte:  jetzt muss der Kiki mir eben ganz schnell einen Antrag machen (und mich ganz unkonventionell heiraten, so dass meine Mami uns trauen kann.)  ;-) 

 

Also. Wie meine Mama immer so schön sagt:  nicht die Ohren hängen lassen!!!

 

 

Ich liebe Dich, Mami!

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Corinna (Dienstag, 13 September 2016 15:11)

    Liebe Niike, ich möchte dir ein ganz großes Lob aussprechen und mich bei dir bedanken, einen so bewegenden Artikel von dir lesen zu dürfen. Du sprichst damit vieke Menschen an und Familien, die Ähnliches Leid durchmachen müssen oder bereits durchgemacht haben. Es ist ein hässliches Thema über Tod und schlimme Krebserkrankungen offen zu reden und es schmerzt, da wir alle sicherlich schon Menschen verloren haben. Es gehört eine ordentliche Portion mit dazu, so offen über deine Gefühle schreiben zu können. Auch ich habe in 2014 einen Lieblingsmenschen, meinen Opa, verloren. Er war wie mein zweiter Vater und plötzlich kam die Diagnose Lungenkrebs. Es ging so schnell- mein Opa hatte schon lange Husten und war erklärst. Aufgrund einer Lungenentzündung kam er kurz vor Weihnachten und Krankenhaus und dort wurde Lungenkrebs diagnostiziert. Diese Diagnose hat mir damals den Boden unter den Füßen weggerissen. Ich war nur am
    Weinen und völlig verzweifelt. Ich habe dann aber allen Mut und meine verkümmerte innere Freude am Leben zusammengerissen und mich dazu entschieden, die letzten noch verbleibenden Tage bei meinem
    Opa zu sein. Ich habe ihn täglich im
    Kkh besucht und mit ihm gelacht und über alte Zeiten geredet und wie stolz ich auf ihn bin. Bis zu der Stunde, als er mir sagte, er möchte gehen. Das war der Abend, an dem
    Ich Abschied genommen habe, denn am nächsten morgen war Opa ganz ruhig eingeschlafen.

    Auch heute denke ich jeden Tag an ihn und die tolle Zeit, die ich mit ihm verbringen durfte. Ich weine noch immer aber ich schöpfe stets neuen Mut und versuche glücklich zu sein. Ich sehe meinen Opa nun als Schutzengel und rede oft zu ihm.

    Ich wünsche dir und deiner Familie von Herzen alles Gute und ganz viel Kraft.

  • #2

    Lieselotte (Dienstag, 13 September 2016 15:13)

    Meine liebe Niike,

    ach puh, jetzt musste ich tatsächlich weinen als ich deinen Beitrag gelesen habe. Dass deine Mama ins Krankenhaus musste, was wusste ich von Instagram, aber was ihr fehlt, das wusste ich noch nicht...
    Für mich ist eins der schwierigsten Dinge am Erwachsenensein die Erkenntnis, dass Mama und Papa nicht ewig da sein werden. Früher waren sie immer schneller, besser, stärker und klüger als wir - jetzt werden sie langsamer, vergesslich, schwächer, kränklicher. Das tut so unfassbar weh. Meine Mutter ist selbst schwer erkrankt, gilt aber mittlerweile als geheilt. Es ist so, so schwer, damit umzugehen. Mama und Papa sind doch die Größten, wie können sie denn jetzt krank werden? Älter? Langsamer?! Es fühlt sich so falsch an. Wir Kinder sind doch immer die Schwächeren, die Dummen, die Kleinen - und plötzlich brauchen unsere starken, tollen Eltern Hilfe. Das ist natürlich der Lauf der Dinge, aber es ist dennoch schwer zu akzeptieren. Das Heldenbild bröckelt. Und ich hasse das so sehr. Es macht ohnmächtig, traurig, es bedrückt...
    Ich kenne deine Mama (leider) nicht, es klingt, als sei sie wirklich eine bemerkenswerte Frau, und wenn wir ehrlich sind, kennen auch wir beide uns nicht besonders gut. Aber es tut mir dennoch von Herzen leid, dass dir und euch das passiert und dass du und sie und deine Familie als Ganzes da durch muss. Es ist wirklich nicht fair. Ich kann leider nicht mehr tun als ganz viele liebe Grüße zu schicken und euch von ganzem Herzen viel Kraft zu wünschen - das ist leider nicht viel und wohl auch nicht so viel Wert, aber ich meine es wirklich ernst. Ich wünsche euch noch eine ganz tolle Zeit zusammen, dass ihr sie so gut es geht genießen könnt, zusammen sein könnt, füreinander da sein könnt und euch einfach nur lieb habt :)
    Ach Niike, virtuell drücke ich dich mal ganz fest, so von Einhorn zu Einhorn :*
    Deine Lieselotte

  • #3

    Niels S. (Donnerstag, 22 September 2016 11:47)

    Jetzt weine ich. Ubd mache mir Gedanken. Wie es Deiner Mutter geht. Und wie oft ich ungeduldig mit meine Mutter bin. Sie ist 74 und ich bin manchmal wütend wenn Sie etwas fragt das ich ihr schon dreimal gesagt habe. Wütend ist das falsche Wort. Ich habe Angst das es keine Bequemlichkeit ist, sondern das sich Demenz heimlich in Ihr Leben schleicht. Und ich merke das sie selber Angst davor hat. Ich bin bei Dir. Geniesst jede Minute. Halte Ihre Hand. merci

  • #4

    Marina (Donnerstag, 06 Oktober 2016 15:57)

    Liebste Niike,
    ich hoffe, dass du ab und zu mal auf diese Seite schauen kannst und weißt, dass du nicht alleine bist. Auch wenn es nur ein schwacher Trost ist. Ich wünsche dir alle Kraft der Welt für die nächste Zeit.
    Ich drück dich feste <3


Follow